Nr. 17: Unsere Krankenkassen sind krank

Genau wie die gesetzliche Rentenversicherung, ist auch die gesetzliche Krankenversicherung umlagefinanziert. Man zahlt nicht etwas ein, was im Krankheitsfall dann ausgezahlt wird, sondern alle zahlen ein, damit alle aktuell Bedürftigen geheilt und finanziert werden können. Doch genau wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung, gibt es auch bei der gesetzlichen Krankenversicherung Zustände, die schwer zu verstehen sind.

 

Vor allem dies: es gibt in Deutschland sage und schreibe 132 verschiedene gesetzliche Krankenkassen. Zwar muss dazugesagt werden, dass es im Jahr 1970 in der BRD noch 1.815 waren, doch trotzdem ist es ein irrsinniger Zustand. Dass es so viele verschiedene Krankenkassen gibt, hat historische Hintergründe. So wurde bei der Einführung der Krankenversicherung Ende des 19. Jahrhundert veranlasst, dass jeder Berufszweig eine eigene Versicherung führen müsse. Über 30.000 verschiedene Krankenkassen sind dadurch entstanden. Einige waren oder sind noch betriebliche, andere Innungs- oder landwirtschaftliche Krankenkassen.

 

Das kann man noch heute an den Namen erkennen. Die Techniker Krankenkassen hieß bei ihrer Gründung 1884 „Eingeschriebene Hilfskasse für Architekten, Ingenieure und Techniker“. Oder die IKK. Sie ist die Innungskrankenkasse und war anfangs eine Kasse, die verschiedene Innungen gemeinsam versicherte.

Problematisch war dabei, dass durch dieses System die gesundheitliches Gesamtkosten sehr ungleich verteilt waren. Denn bestimmte Berufszweige belasteten die Gesundheit der dort schaffenden Menschen mehr als andere.

 

Nun sind noch 132 gesetzliche Krankenkassen übrig. 15 Krankenkassen haben jeweils über eine Millionen Versicherte. Alle gesetzliche Krankenkassen sind rechtlich selbstständig, leisten und kosten aber letzten Endes für die Versicherten alle das Gleiche. Das will der Gesetzgeber so. Jede Krankenkasse leistet sich dennoch einen eigenen Vorstand, eigene Verwaltungsstrukturen und damit verbundene Kosten sowie eine eigene Marketingabteilung. Es ist bemerkenswert, dass die Krankenkassen in Konkurrenz zu einander stehen, obwohl Beitragshöhe sowie die mindestens zu erbringende Leistung der Gesetzgeber festlegt. Mit der Einführung des Gesundheitsfonds im Jahr 2009 und der damit verbundenen einheitlichen Mitgliederbeiträge, haben die Krankenkassen nicht mehr die Möglichkeit, mit besonders niedrigen Beiträgen Mitglieder anzulocken oder mit höheren mehr Leistungen anzubieten. Die einzige Möglichkeit zu wachsen ist also: Werbung, Werbung, Werbung.

 

Beiträge, die einzig und alleine dafür da sein sollen, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu bessern, fließen nun verstärkt zu Marketingagenturen. Im Jahr 2009 stiegen die Marketingausgaben der BARMER beispielsweise um 83 Prozent. Die KKH-Allianz verzehnfachte sogar ihre Marketingausgaben. Die IKK Classic wurde letztes Jahr exklusiver Partner der DKB-Handball Bundesliga. Die TK zahlt an seine Mitglieder eine Prämie aus. Nicht weil sie barmherzig ist, sondern weil sie sich erhofft, viele neue Mitglieder zu gewinnen.

 

Es scheint, als stünde für die Kassen nicht das gesundheitliche Wohlergehen im Vordergrund, sondern der wirtschaftliche Erfolg gegenüber den anderen Kassen. Jeder zusätzliche Vorstand, jede zusätzliche Marketingaktion, jeder Verwaltungsaufwand aufgrund eines Mitgliederwechsels sind Kosten, die dass Gesundheitssystem  vollkommen unnötig belasten. Diese wirtschaftliche Konkurrenz in einem sozialen Bereich ist so überflüssig wie ein Eiswürfelautomat am Nordpol.

 

Das es auch in der gesetzlichen  Kranken- und Pflegeversicherung eine Beitragsbemessungsgrenze gibt und ab einem bestimmten hohen Einkommen eine private Versicherung gewählt werden darf, sind weitere Aspekte, die das System und die solidarische Gemeinschaft aushebeln. Kann man ändern. Mit einer Krankenkasse für alle. Wo alle den gleichen Prozentsatz ihres Einkommens einzahlen. Wo ärmere entlastet werden. Und wo jeder zusätzliche Versicherungen abschließen darf, die über eine hohe und angemessene Grundversorgung hinausgehen. Das dürfte doch langfristig problemlos umsetzbar sein.

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