Nr. 17: Leistung muss sich lohnen

Ich dachte, ich hätte alles geschrieben. Alles erklärt. Aber offenbar wird mein Block nicht gelesen. Ich verstehe gar nicht warum. Drum ich muss wohl noch mehr erklärt werden. Noch mehr ausgeholt werden, damit es endlich voran geht.

 

"Leistung muss sich lohnen"

 

Dieser Satz, er hängt mir zum Halse raus, wird von neoliberalen Verfechtern nicht etwa genutzt, um einen höheren Mindestlohn oder etwa mehr Anerkennung für sogenannte Frauenberufe, wie Erzieherin oder Altenpfleger zu erwirken. Dieser Satz wird fast ausschließlich dazu genutzt, Steuererhöhung für Besserverdienende zu verhindern.

Mehr noch. Man soll doch dankbar sein, dass es Menschen gibt, die hundert oder hunderttausende Euro im Jahr verdienen, da sie die größte Steuerlast tragen.

Das ist 1. nicht vollkommen korrekt und 2. ein Paradoxon.

 

 

  • Das Paradoxon. Sehr oft wird in den Talkshows behauptet, dass die Reichen so viel zahlen und unser System „retten“, was vollkommen überzogen, wenn nicht sogar gänzlich falsch ist. Das obere Fünftel der Haushalte mit den besten Einkommen tragen 46,9 % der gesamten Steuern und Abgaben. Aber (und das ist wieder ein fettes aber): sie verdienen auch 53 % des gesamten Einkommens. Also: 20 % der Haushalte tragen weniger als 50 % der gesamten Steuern und Abgaben, verdienen aber mehr als 50 % des zur Verfügung stehenden Einkommens. Das klingt ungesund und ist auch ungesund. Doch wenn es jemand schafft, selber zu diesen 20 % zu gehören, wird dies nicht als Signal verstanden an unserem System etwas zu verändern, sondern es wird als Erfolgsbeispiel missbraucht, um dieses System aufrecht zu erhalten. Leistung muss sich lohnen.

 

Außerdem tun die Topverdiener und Reichen so viel für wohltätige Zwecke. Zweifelsohne. So wie zum Beispiel Mark Zuckerberg, der im Dezember 2015 ankündigte, 99 % seines Vermögens zu spenden. So schön und lobenswert der Wille Zuckerbergs, die Welt zu verbessern und zu verändern auch ist:

Es ist konfus Geld zu akkumulieren, dem gesellschaftlichen Umlauf und der Verteilung zu entziehen, um dann zu sagen, schaut, ich (versuche) zu verteilen. Viel schlimmer noch: Solche (wie gesagt, natürlich löblichen) Aktionen führen zu Ansichten, dass man Reiche nicht groß besteuern dürfe. So wird der Neoliberalismus gefeiert, weil nun kommen 44 Mrd. für einen guten Zweck. Es schmerzt mich, dass diese Ansicht oftmals als Neid abgetan wird. Ich verstehe nicht, dass wir Zuckerbergs und Gates Aktionen loben, aber politische Verteilungen weitestgehend ablehnen.

Dabei sei noch erwähnt, dass solche Stiftungen (oft) so arbeiten, dass sie eben nicht Kapital verteilen, sondern daraus erwirtschaftete Erträge. Letzten Endes können solche Stiftungen den Raubtierkapitalismus weiter anheizen, wie die skurrilen Investments der Gates-Stiftungen auch zeigen. Und trotzdem muss man es begrüßen. Ich bin trotzdem für Steuern. Weil Leistung muss sich für alle lohnen.

 

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©Alexander Angierski