Nr. 18: Ich habe die Nase gestrichen voll

„Das Problem ist, dass meine Generation zu wenig Kinder in die Welt gesetzt hat“, erläutert einleitend ein bebrillter, smart aussehender Mittfünfziger. Daraufhin grinst irgendeine CDU/CSU-Bundestagsabgeordnete in die Kamera: „Wir könnten auch sagen, liebe junge Leute, kriegt wieder ganz viele Kinder, damit ganz viele Kinder in diesem System nachwachsen und die Rente bezahlen. Dann brauchen wir nicht so viel kapitalgedeckte Vorsorge machen. Dann können wir das in der Umlagefinanzierung lassen.“ Damit ist eigentlich schon alles gesagt, was uns die Deutsche Bank in ihrem Promotionvideo (hier), welches mir in letzter Zeit häufig auf Facebook präsentiert wird, sagen möchte. Natürlich, es entspräche nicht der freiheitlichen Prämisse zum Kinderzeugen aufzurufen. Also muss privat vorgesorgt werden. Und es kotzt mich an!

 

Warum? Klingt doch eigentlich logisch und plausibel, was die Deutsche Bank und andere sagen. Es gibt zukünftig weniger Arbeitende, welche die Rente finanzieren, also muss, um das Rentenniveau zu halten, jeder selber Vorsorge betreiben. Das Problem ist nur: das ist alles andere als plausibel und logisch. Ich meine sogar, es ist latent dumm oder sogar arglistig? Der demographische Wandel. Mit diesem Begriff wird unentwegt die Privatisierung der Rente erklärt, Zukunftsängste aufgebaut und eine Alternativlosigkeit beschworen. Was dabei einfach vergessen wird oder vergessen werden soll, sind folgende zwei Punkte.

  • Der demographische Wandel hat längst stattgefunden. Und zwar ohne die gesetzliche Rentenversicherung zu zerstören.
  • Die kapitalgedeckte Altersvorsorge ist letzten Endes auch eine Umlagefinanzierung. Nur in dumm.

 

 

Der demographische Wandel hat längst stattgefunden (und findet immer statt)

 

Die gesetzliche Rentenversicherung wurde in Deutschland im Jahr 1889 eingeführt. Damals betrug die durchschnittliche Lebenserwartung ca. 40 Jahre (bzw. 44 bei Frauen). Das Renteneintrittsalter wurde aber zunächst auf 70 Jahre gesetzt. Das heißt, nur sehr wenige profitierten von der Rente. Viele Arbeitende mussten nur wenige Rentner finanzieren.

Wie sieht es jetzt aus? Die durchschnittliche Lebenserwartung ist auf 78 Jahre (bzw. 83 bei Frauen) deutlich gestiegen und das Renteneintrittsalter auf etwa 63 Jahre gesunken. Es werden nun also viel mehr Rentner wesentlich länger finanziert. Nicht nur das. Sie werden außerdem von weniger Nachkommen finanziert. Am Anfang des 20 Jahrhunderts bekam eine Frau im Schnitt noch 4 Kinder. Seit dem 1. Weltkrieg sank diese Zahl auf unter 3 Kinder pro Frau, jetzt sind wir sogar bei deutlich unter 2 angekommen. Wie kann es sein, dass die Rente trotzdem finanziert werden konnte? Ganz einfach: wir sind extrem produktiv geworden. Durch bessere Arbeitsorganisation, mehr Maschinen und Wissen, kann trotz geringere menschlicher Arbeitszeit mehr produziert werden. Seit der Wiedervereinigung stieg beispielsweise das reale Bruttoinlandsprodukt (also die Summe aller produzierten Waren und Dienstleistung mit Berücksichtigung der Inflation) um 30 %,wofür aber insgesamt 5 % weniger menschliche Arbeitszeit gebraucht wurde.

Es ist kurios, dass ausgerechnet die privaten Banken davon auszugehen scheinen, dass es mit dieser Entwicklung nicht weitergehen wird. Dabei stehen wir erst am Anfang der digitalen Revolution. Immer mehr Computer und Roboter werden uns Arbeit abnehmen und so menschliche Arbeitskraft für soziale Arbeit oder neuartige Wertschöpfungen freisetzen. Wir sehen also: ein demographischer Wandel findet schon seit über 100 Jahren stetig statt, ohne das Rentner verhungern mussten. Außerdem stieg die Produktivität selbst in der kurzen Zeitspanne seit der Wiedervereinigung deutlich und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sie nicht weiter steigen könnte.

 

 

Die kapitalgedeckte Altersvorsorge ist letzten Endes auch eine Umlagefinanzierung (nur in dumm).

 

Egal wie die Rente finanziert wird, eine Grundannahme hat immer Gültigkeit. Der arbeitende Bevölkerungsteil ernährt und erhält den nicht arbeitenden Teil, wie zum Beispiel Kinder, Kranke oder eben Rentner. Die arbeitende Bevölkerung stellt Lebensmittel her, entwickelt Medikamente, leistet Pflegeleistungen, spielt Theater, fährt Taxi und vieles, vieles mehr. Rentner dürfen an alldem partizipieren ohne sich selber aktiv an der Wertschöpfung zu beteiligen. Und das ist auch gut so. Wie viel sie daran partizipieren können hängt dabei von der höhe ihrer individuellen Rente ab. Doch das bedeutet weitergedacht auch: Rentner können nicht mehr bekommen, als tatsächlich produziert oder erarbeitet wird. Das ist schlicht nicht möglich. Von daher spielt es eigentlich keine Rolle, ob eine privat oder gesetzliche Rentenversicherung bevorzugt wird. Es kann nur das verbraucht werden, was auch produziert bzw. erarbeitet wird. Wir haben daher materiell gesehen immer ein Umlageverfahren. Produkte und Dienstleistungen werden von der abreitenden Bevölkerung auf die nicht arbeitende Bevölkerung „umgelegt“. Da wir nicht wissen, wie viel wir in 50 Jahren produzieren (es wird wahrscheinlich deutlich mehr sein) bzw. wie produktiv wir seien werden (wahrscheinlich wesentlich produktiver), lässt sich jetzt auch nicht definieren, wie viel Rente jemand in 50 Jahren zum Leben braucht. Genau das behauptet die kapitalgedeckte Versicherung aber zu wissen.

Die Versicherungen bedienen sich verschiedener Modelle, die vorhersagen wollen, wie alt wir später werden, wie teuer das Leben und wie hoch die Produktivität seine wird. Man kann ohne schlechtem Gewissen sagen, dass diese Modelle, die mehrere Jahrzehnte in die Zukunft blicken, mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch sind.

Auf was ich hinaus will: Die kapitalgedeckte Altersvorsorge ist genauso wenig (in meinen Augen sogar weniger) vor dem demographischen Wandel geschützt wie die gesetzliche umlagefinanzierte Rentenversicherung.

 

  • Weil A: Es kann nur das verbraucht werden, was produziert wird.
  • Weil B: Bevor jemand bei einer kapitalgedeckten Rentenversicherung tatsächlich eine Rente bekommt, müssen die Kapitalverwalter etwas aus ihren Fonds verkaufen. Das braucht natürlich eine Nachfrage. Wenn es nun aber wieder weniger Nachkommen gibt, sinkt die Nachfrage nach Investitionen für die Altersvorsorge. Das bedeutet: die Preise fallen und die Versicherte erhalten weniger Rente. Das weiteren kann Kapital einfach verschwinden, wenn Unternehmen pleite gehen oder irgendein Staat einen Schuldenschnitt macht. Was aber nicht verloren geht ist die Tatsache, dass jedes Jahr etwas produziert wird (und etwas an den Bäumen und auf den Böden wächst), was verteilt (sprich „umgelegt“) werden kann.
  • Weil C: Geld wird gehortet bzw. der Markt wird mit Geld überschwemmt und wird hoch volatil. Das bedeutet, die Kurse schwanken stark.
  • Weil D: Eine Umlagefinanzierung parallel zu einer Kapitalgedeckten Versicherung zu unterhalten ist nonsense, denn sie schließen sich gegenseitig aus. Die Umlagefinanzierung will, dass du Geld nicht für deine Rente „auf die hohe Kante“ legst, sondern es im Hier und Jetzt den Rentnern gibst. Die Kapitalgedeckte verlangt aber das Gegenteil.

 

Ich könnte die Liste noch um ein paar Punkte ergänzen, aber wichtiger ist mir auf die wachsende soziale Spaltung hinzuweisen. Wenn eine großzügige Mindestsicherung im Alter nicht mehr gewährleistet und zur privaten Vorsorge geraten wird, wird eine „lebenswerte“ Rente plötzlich zu einem Luxusgut. Einer gute Vorsorge können nur die leisten, die ein gutes Einkommen haben und ohnehin eine größere gesetzliche Rente erhalten werden. Zusammenfassend kann ich sagen: ich habe die Nase gestrichen voll, mir von irgendwelchen Bankern, Versicherungsleuten und Politikern sagen zu lassen, dass kein Weg an der kapitalgedeckten Versicherung vorbeiführt. Das ist aus meiner Sicht total verrückt. Ich habe die Nase gestrichen voll.

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©Alexander Angierski