Nr. 20: Hallo, sammeln Sie Payback-Punkte?

Hallo, sammeln Sie Payback-Punkte? Ja? Dann mag ich Sie nicht leiden. Verschwinden Sie von meiner Website. Halt, Stop! Hier geblieben!

 

Die Mentalität, so wenig wie möglich für irgendwas geben zu wollen, kann natürlich Zeugnis einer wirklich klammen Kasse sein. Es wird aber sicherlich öfter als wir glauben einfach nur ein Abbild von Geiz sein. Da Geiz geil ist, macht das ja nichts. Oder doch?

 

Geiz stammt vom althochdeutschen „gīt(e)“ ab. gīt(e) = Gier, Habgier. Geizen und Gieren stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Die berühmte Werbung könnte damit also auch heißen: Gier ist geil! Klingt aber irgendwie nicht mehr so gut.

Gier ist ein heftiges, nicht enden wollendes Verlangen nach mehr. Mehr an Geld, mehr an Drogen, mehr an Sex. Gier ist eine Sucht. Die Sucht ist nicht vorbei, wenn ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt wird. Nein, es muss immer wieder befriedigt werden. Demnach ist „geizen“ eine Sucht. Es ist biblisch sogar eine Todsünde. Auch wenn die Grenze sicherlich fließend ist, muss Geiz von Sparsamkeit klar abgegrenzt werden. Sparsamkeit entsteht aus einer materiellen Notwendigkeit heraus, wenn man tatsächlich ein geringes Einkommen hat, für eine Investition spart oder für schlechte Zeiten etwas zur Seite legt, was insbesondere in den Zeiten relevant war, wo es noch nicht die heute bekannten gesetzliche Sicherungssysteme gab. Geiz heißt dagegen möglichst wenig zu geben, obwohl man mehr geben könnte (bzw. Gier: mehr nehmen, obwohl man weniger nehmen könnten). Also, sie haben eine Deutschlandcard? Dann gehen Sie bitte zum Arzt.

Es tut mir leid, wenn ich meinen drei Lesern des Blogs zu nahetrete. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie selber Payback nutzen ist sehr hoch. Payback hat laut eigenen Angaben alleine in Deutschland 20 Millionen Kunden. Sind das alle Geizhälse?

Lasst es mich so erklären, warum ich das als geizig empfinde. Das Suchen nach dem lukrativsten Angebot, den möglichst größten wirtschaftlichen Vorteil entspricht dem theoretischen Verhalten der Nutzungsmaximierung des sogenannte „Homo oeconomicus“. Das ist ein von diversen Ökonomen als natürlich deklariertes egoistisches Verhalten, hinter der aus meiner Sicht eine Botschaft steckt: Ich gönne es dir nicht, möglichst gut für deine Arbeit bezahlt zu werden. Ich gönne es dem Unternehmen nicht, einen Gewinn zu erzielen. Ich gönne meinen Mitmenschen keinen größeren Nutzen als mir. Sparen bedeutet dagegen nicht, billigst zu kaufen, sondern zu verzichten. Also wenig zu verbrauchen. Man kann zum Beispiel sparsam in den Urlaub fahren, in dem man langsam fährt. Oder geizig, in dem man die billigste Tankstelle sucht, hinter der die Menschen (vielleicht?) auch schlechter bezahlt werden.

 

Abgesehen davon, dass „Geld“ sparen volkswirtschaftlich so sinnvoll ist, wie Zollstöcke zu horten, damit man mehr Zentimeter zu Hause hat, ist dieses Payback und Deutschlandcard-System schon aberwitzig. Es sind Bullshit-Jobs.

Da ist also eine Organisation, die verschiedene Händler hinter sich stehen hat und die überlegen sich nun, wie man denn mehr Umsatz machen könnte. Da kam dann jemand auf die Idee, dass es vielleicht Sinn macht, wenn man die Kunden dafür belohnt, wenn sie oft einkaufen. Man gibt ihnen Punkte für Ihren Umsatz, die sie sich irgendwie gutschreiben lassen können. Wie in der Bundesliga für Tore die Siege bringen. Diese Punkte können die Kunden dann in ein Küchenmesser umtauschen. Oder eine Keksdose. Oder einen Schnaps.  Oder man kann damit mal einen Einkauf im DM damit bezahlen. Das klingt so toll. Da ist Geiz dann mal so richtig geil. Was passiert aber dahinter tatsächlich?

 

Payback oder Deutschlandcard erhalten natürlich eine Umsatzbeteiligung. Denn anders als einige vielleicht denken, fällt so ein Küchenmesser nicht vom Himmel. Außerdem muss bei Payback Personal (teuer!), Marketing (sehr teuer!!) und ein Vorstand (richtig scheiß teuer!!!!) finanziert werden. Und natürlich ein Gewinn. Wer kassiert den Gewinn? Natürlich die Bank. Payback ist beispielsweise eine Tochter der Loyalty Partner Group, die wiederum zu American Express gehört. Großartig! Ein Haufen Jobs, die viele Familien finanzieren. Oder traurig? Ein Haufen Arbeit, die der Gesellschaft überhaupt keinen Nutzen bringt? Bullshit-Jobs?

 

Insider wissen, dass diese Form nicht der klassischen Definition von Bullshit-Jobs entspricht. Ich möchte mit dieser Bezeichnung aber auf den gravierenden Punkt hinaus, dass mit der Payback-Methode immense Ressourcen verschwendet werden. Aber für was? Für ein Nullsummenspiel. Mit dem Begriff bin ich schon wohlwollend. Denn mit dem Payback-System wird der Einkauf nur scheinbar preiswerter oder attraktiver. Tatsächlich wird er teurer. Finanzieren tun diesen Spaß alle, die bei den jeweiligen Partnern einkaufen. Die Bank, sie ist wirklich schlau, hat einen Weg gefunden, Ärmere, die vielleicht tatsächlich darauf angewiesen sind, aber eben auch Geizhälse und „nicht Geizhälse“ gegenseitig auszuspielen. Das ist eigentlich genial, wenn es nicht so traurig wäre.

Der eine oder andere Ökonomen würde mir aber nun entschieden entgegnen: „Moment! Das Ziel von Payback ist eine Umsatzsteigerung bei allen Partnern! Durch höhere Umsätze können geringere Stückpreise angeboten werden!“

Hm, dann führt in unserem System Gier und Geiz tatsächlich zu den gleichen Ergebnissen? Mehr Verbrauch und Verschwendung?

Geiz ist nicht geil. Evolutionstheoretisch ist Geiz und Gier äußerst gefährlich für Individuum und Gruppe. Wer selber nicht großzügig ist, lässt die Gruppe im Stich und wird in Not selber mit weniger Großzügigkeit bedacht.

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©Alexander Angierski