Nr. 21: Das Leben der Anderen

Ich habe heute ein Menschenleben gerettet. Gut, natürlich nicht ich allein und ich weiß auch nicht, ob dieser Mensch tatsächlich gerettet ist, aber ich bin ein wesentlicher Bestandteil einer nun wahrscheinlicheren Genesung von einer tödlichen Krankheit und eines komplexen Prozesses. Ich habe heute Stammzellen gespendet.

 

Nach dem ich es nun hinter mich gebracht habe, ist mein Erstaunen umso größer, warum es keine Registrierungspflicht gibt. Aber der Reihe nach.

 

Ich wurde vor nicht mal einem Jahr auf dem Campus angesprochen, ob ich mich nicht registrieren lassen möchte. Und klar, wer kennt das nicht. Gerade wir Deutsche nehmen recht schnell eine ablehnende Haltung an, wenn man einfach auf der Straße angesprochen wird. Ich auch. Aber an diesem Tag war es anders. Ich habe mich in wenigen Sekunden registrieren lassen. Das berühmte Wattestäbchen wurde mir kurz in den Mund geschoben.

 

Bereits nach wenigen Monaten, Anfang diesen Jahres, wurde ich gebeten, einer genaueren Blutuntersuchung zuzustimmen, da mein Blut, DNA oder was weiß ich an oder in mir einen Patienten helfen könnte. Heute, Montag, der 21. August 2017, erfolgte die Blutstammzellenspende, welche nun auf dem Weg zum Patienten ist und hoffentlich helfen kann. Das es so schnell ging ist keine Selbstverständlichkeit. Andere sind seit zig Jahren registriert und sind nicht mal in die nähere Auswahl gekommen. Ärzte sagen nicht ohne Grund, dass die Suche nach einem passenden Spender wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen sei.

 

Wer ist eigentlich der Empfänger? Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn oder sie nicht und werde sie oder ihn, wenn überhaupt, in frühestens zwei Jahren kennenlernen können. Es geht bei diesen Patienten um Menschen, die an einer bösartigen Erkrankung des Blutes oder Lymphsystem leiden. Leukämie oder auch Blutkrebs genannt. Ohne eine Blutstammzellentransplantation würden sich die Patienten nicht mehr heilen lassen. Und sterben.

 

Grob und äußerst laienhaft zusammengefasst, werden bei diesen Patienten aufgrund „defekter“ Stammzellen unkontrolliert schädliche Blutkörperchen gebildet, was unbehandelt, je nach Leukämieart, in wenigen Wochen zum Tod führen kann. Sie brauchen daher „gesunde“ Stammzellen, damit die Blutproduktion wieder funktioniert.

 

Stammzellen können über eine Knochenmarkspende, also operativ, oder „peripher“ gewonnen werden. Letztere Variante wurde bei mir angewandt und scheint auch am häufigsten vorzukommen. Ein periphere Blutstammzellengewinnung läuft wie eine Plasmaspende ab. Aus meinem linken Arm wurde heute Blut entnommen. Dieses floss in eine große Maschine und wurde dort mittels Filter- und Zentrifugensysteme in seine Bestandteile zerlegt, um so an die Stammzellen heranzukommen. Anschließend wurde das Blut über meinen rechten Arm zurückgeführt. Dieser Kreislauf dauerte etwa 4 Stunden und verlief schmerzfrei. In seltenen Fällen muss der Spender ein zweites Mal angeschlossen werden. In noch wesentlich selteneren Fällen können Stammzellen schlussendlich doch nur operativ gewonnen werden. Dies sind laut der Uniklinik Dresden aber sehr, sehr wenige Fälle.

 

Damit sich in meinem Blut genügend Stammzellen bilden, musste ich mir über die letzten 5 Tage jeweils zweimal Wachstumshormone spritzen. Dabei können Nebenwirkungen auftreten, die im Allgemeinen den Symptomen einer Grippe entsprechen. Nur ohne die Grippe. Ich hatte Glück, dass ich so gut wie keine Nebenwirkungen spürte. Mir tat lediglich in bestimmten Positionen, meistens beim Sitzen, die Wirbelsäule weh und mir war etwas flau. Ich bin ein sportlicher Typ, aber nach 15 min. spazieren wollte ich echt wieder nach Hause. Das ist aber alles moderat und problemlos aushaltbar gewesen. Es sind außerdem keine langfristigen Nebenwirkungen bekannt. Der Aufwand den der Spender zu tragen hat, ist also relativ überschaubar.

Typisierung/Registrierung: 1 Minute / kleiner Blutuntersuchung: 15 min / größere Blutuntersuchung: 15 min / gründlicher Gesundheitscheck: 4 Stunden / 5 Tage je zwei Spitzen / die eigentliche Spende: ca. 4 Stunden, sitzend, nebenbei lesend oder fernsehend

 

Das sieht bei dem Empfänger etwas anders aus. Dazu ein Auszug aus einem Spiegelartikel, im dem Spender und Empfänger ihre Erfahrungen schildern:

(http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/dank-knochenmarkspende-sarah-besiegt-den-krebs-a-597308.html)

 

"Für mich begann jetzt die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich wurde eine Woche lang bestrahlt und bekam drei Tage Chemotherapie, dann kam der sogenannte Tag Null: Mein Immunsystem war komplett ausgeschaltet. Jetzt konnte ich fremde Stammzellen bekommen. Natürlich habe ich mich gefreut, doch körperlich war ich fertig, alles tat weh, mir war schlecht. Doch weil ich nicht wusste, was mich erwartet, hatte ich keine Angst. Zwei Tage lang verbrachte ich mit Schläuchen im Arm, während mir Benjamins Blut verabreicht wurde.Lange Zeit verbrachte ich anschließend in meinem sterilen Zimmer, dem 'Transplantationszelt'. Ein Bett, ein Schrank, ein Fernseher - das war alles. Briefe wurden in Folien eingeschweißt und desinfiziert und mir durch eine Luke hineingereicht. Wenn mich meine Mutter besuchte, trug sie sterile Handschuhe und einen Mundschutz, und auch wenn ich mich über Besuch gefreut habe, war die Stimmung immer bedrückt. Einmal in der Woche kam der Klinik-Clown 'Knuddel' und klebte ein rosa Glücksschweinchen an die Fensterscheibe. 13 Schweinchen klebten dort, als ich endlich wieder nach Hause durfte."

 

Ich schrieb, dass ich heute ein Menschen leben gerettet habe. Dabei verschwieg ich, dass die 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit nach einer Blutstammzellentransplantation bei 50-60 % liegt. Es ist es aber wert. Lass dich dich noch heute registrieren. Zum Beispiel bei der VKS oder DKMS.

 

Ich finde es schade und äußerst unverständlich, warum es keine Registrierungspflicht gibt. Ich schreibe bewusst nicht Spendepflicht. Ich denke, dass vielen nicht bewusst ist, was sie tun könnten und vor allem was sie für ein anderes Menschenleben womöglich bedeuten. Auch ich wusste, dass Spender gesucht werden. Aber wissen ist nicht gleich bewusst sein. Also die Bedeutung für andere und sich selber tatsächlich zu verinnerlichen. Wenn es mir bewusst gewesen wäre, wie relativ einfach ich nicht nur einen Menschen, sondern dahinter einer Familie oder einen Freundeskreis Hoffnung oder sogar ein „neues Leben“ ermöglichen kann, ich wäre nicht erst jetzt Spender geworden. Die Begriffe „Hoffnung“ und „neues Leben“ kommen bzw. kamen für jemanden wie mich, der in seinem Leben nie mit bösartigen und tödlichen Krankheiten in Kontakt gekommen war, leer vor. Sie hatten keine Bedeutung. Aber sie sind absolute Realität. Es ist Realität, dass ein Mensch, zusammen mit seiner Familie und Freunden, leben kann, wenn wir denn ersten Schritt gehen und unser Blut registrieren lassen.

 

So etwas wie eine Registrierungspflicht gibt es in einem anderen Bereich in Österreich. Dort ist jeder Bürger automatisch Organspender. Dort muss man sich bemühen kein Spender zu sein und nicht umgekehrt. Das könnte doch auch hier in Deutschland funktionieren. Für Organe und Stammzellen. Übrigens: Keine der großen Parteien fordert dies in ihrem Wahlprogramm.

 

Unter folgendem Link findet ihr ein ausführliches Informationsblatt der Uniklinik Dresden, in dem Verlauf, Risiken und Nebenwirkungen einer Spende ausführlich beschrieben stehen. hier

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©Alexander Angierski